Fit für Kinderrechte

Im Fitnessstudio für Kinderrechte

Am 21. März trafen sich 130 Lebenskundeschülerinnen und -schüler im Nachbarschaftshaus Urbanstraße in Kreuzberg, um sich einen Tag unter dem Motto „Fit für Kinderrechte" mit den Kinderrechten auseinanderzusetzen.

Langsam füllt sich der Ballsaal der Villa. Gruppe um Gruppe besetzen die dichten Stuhlreihen. Die 130 Schüler /-innen aus neun Bezirken und zehn Schulen Berlins sind zusammen gekommen, um sich gegenseitig über ihre Rechte zu informieren und sich gestalterisch mit ihnen zu beschäftigen. Dr. Eva Ellerkmann, die Organisatorin und Initiatorin des Tages, begrüßt die Kinder. Sie sind nervös und aufgeregt. Nun sind sie an der Reihe: Jede Gruppe stellt ihr heutiges Projekt vor. „Bei uns könnt ihr Banner für den Gipfel in Rio de Janeiro gestalten." Am Stand der Gruppe aus der Grundschule am Arkonaplatz geht es um Umweltschutz und Nachhaltigkeit, um „ökologische Kinderrechte". „Wir haben ein Quiz über gesunde Ernährung vorbereitet. Und wenn ihr alles richtig macht, bekommt ihr einen Crêpes als Belohnung", stellen die Lebenskundeschüler/-innen der 4b aus der Grundschule an den Buchen den Teilnehmern des Kongresses in Aussicht. Jede dieser Gruppen ist für einen der 15 Stände auf dem „Markt der Möglichkeiten" - eine Art Kinderrechte-Parcours, den jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin durchlaufen wird - verantwortlich.

 

Der zehnjährige Robert ist ungeduldig und beschwert sich über den großen Andrang an den Ständen: Dort werden u. a. Stifte marmoriert (Recht auf Bildung), Bälle hergestellt (Recht auf Freizeit und Bildung), Papiertüten angefertigt (Schutz vor Ausbeutung), Buttons mit dem eigenen Namen gestaltet (Recht auf den eigenen Namen) und wer mag, kann einen „Schnupperkurs" in Gebärdensprache belegen.

„Ich habe tatsächlich die Vision, dass die Kinderrechte bekannter werden. Bekannt werden, für diejenigen, die sie brauchen. Kinder müssen wissen, dass sie Rechte haben", bringt Dr. Ellerkmann das Ziel des Tages auf den Punkt. Laut einer Umfrage wüssten nach wie vor nur um die 50% der Kinder, dass es Kinderrechte gebe. „Und ich möchte gerne an dieser Prozentzahl Richtung 99% drehen. Das ist meine Motivation, das jedes Jahr wieder auf die Beine zu stellen."

Und die Kinder bestätigen sie durch ihr Engagement und ihre Wissbegierde. Ja, sie lerne heute besonders viel über die Kinderrechte, versichert die neunjährige Lara. Besonders interessant finde sie die Abstimmung über das wichtigste Kinderrecht. Ihr Favorit ist der Artikel 9 der Kinderrechtekonvention, das Recht, mit den Eltern zusammen zu leben und im Falle einer Trennung zu beiden Eltern Kontakt zu haben, diktiert sie mir ins Aufnahmegerät. Auch Antonia von der Grundschule an den Buchen ist überzeugt, dass sie heute viel lernt. Ihr liegt das Recht auf Bildung besonders am Herzen, „weil Kinder in manchen Ländern ganz viel arbeiten und nicht lernen können."

Parallel zum Markt der Möglichkeiten besucht eine Gruppe den Kindernotdienst. Im Theaterworkshop beschäftigen sich die Schüler/-innen mit dem Recht auf Bildung und konkret mit den vielen Störungen, durch die Kinder daran gehindert werden, ihr Recht in Anspruch zu nehmen. Besonders beliebt ist der Hip-Hop-Workshop, den das Berliner Hip-Hop-Mobil auch dieses Jahr wieder anbietet. Im großen Finale des Tages werden die Gruppen ihre Ergebnisse allen vorstellen.

Sven Thale von der Grundschule am Arkonaplatz schätzt den Stellenwert der Kinderrechte hoch ein. Die Kinder fühlten sich wertgeschätzt, benennt der Lebenskundelehrer die Bedeutung der Kinderrechte für seine Schüler /-innen. „Wenn die Kinder von der Kinderrechten erfahren, berührt es sie auf der Gefühlsebene. Wir sind auch wichtig, diese Rechte sollen uns gegenüber eingehalten werden. Das tragen die Kinder in ihrem Herzen mit sich." Ihm geht die Forderung, die Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen, nicht weit genug. „Wenn ich etwas am Wahlrecht ändern könnte, dann würde ich sofort für alle Kinder ein Wahlrecht einführen." Und weiter: „Sobald das Kind da ist, hat es eine Stimme, von Geburt an." Und solange die Kinder ihr Recht nicht selber wahrnehmen könnten, müssten die Eltern zum Wohl der Kinder deren Stimme einsetzen.
Auch Bela, ein dreizehnjähriger Besucher vom Andreas-Gymnasium, sieht hier den größten Handlungsbedarf. „ Mir persönlich ist das Recht auf Meinungsfreiheit und Mitbestimmung am wichtigsten." Er zeigt sich tief beeindruckt von den Leistungen und dem Engagement der Schüler/-innen. Er habe heute ganz viel über die Kinderrechte mitgenommen, versichert er, und macht sich mit seiner selbst gebastelten Papiertüte und vielen Eindrücken auf den Nachhauseweg. Es scheint so, als trage er im Herzen das Gefühl einer besonderen Wertschätzung.
Text: Töns Wiethüchter
Fotos: Töns Wiethüchter

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Interview mit Eva Ellerkmann. 21.03.2012, Fit für Kinderrechte

Den Kindern in Deutschland geht es eigentlich nicht gut - ein Interview mit Dr. Eva Ellerkmann

Berlin/ 21. März 2012 - Wir sitzen im großen Ballsaal in der Villa des Nachbarschaftshauses Urbanstraße in Kreuzberg. Die Lebenskundelehrerin Dr. Eva Ellerkmann ist viel beschäftigt und gefragt. In der Villa haben sich ungefähr130 Kinder mit ihren Lehrerinnen und Lehrern zu einem Kinderrechtekongress unter dem Motto „Fit für Kinderrechte" eingefunden. Trotz des Trubels fand die Organisatorin und Initiatorin des Tages Zeit, sich mit mir über den Stellenwert der Kinderrechte in Deutschland zu unterhalten. Herausgekommen ist ein visionäres Plädoyer für das Recht auf Bildung und gewaltfreie Erziehung. Und für den Kindernotdienst.

T.W.: Heute sind 130 Kinder aus 10 Schulen und 13 Gruppen gekommen. Dahinter steckt ein unglaublicher Aufwand an Vorbereitung und Unterricht, und sicherlich auch eine große Anstrengung, das Ganze an diesem einen Tag zusammenzuführen und auf ihn zuzuspitzen. Was motiviert dich jedes Jahr von neuem durchzustarten?

Dr. Eva Ellerkmann: Ich würde es einmal so formulieren: Ich habe tatsächlich die Vision, dass die Kinderrechte bekannter werden. Bekannt werden, für diejenigen, die sie brauchen. Kinder müssen wissen, dass sie Rechte haben. Die letzten Zahlen - es gab eine Untersuchung vom Deutschen Kinderhilfswerk, über tausend jugendliche Kinder wurden befragt, da war es wieder so, dass nur um die 50% der Kinder wussten, dass es Kinderrechte gibt. Und ich möchte gerne an dieser Prozentzahl Richtung 99% drehen. Das ist meine Motivation, das jedes Jahr wieder auf die Beine zu stellen.


T.W.: Ich würde dir zum Beispiel beim Recht auf gewaltfreie Erziehung sofort zustimmen. Tatsächlich ist dieses mittlerweile auch seit 2000 als „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung" in Deutschland Gesetz. Aber viele fragen sich, warum die Kinderrechte in Deutschland, in diesem hochentwickelten und reichen Land so wichtig seien. Wir haben Schulen, wir haben ein Gesundheitssystem, wir haben alles, damit es den Kindern gut geht. Warum sollte man hier noch einmal zusätzlich die Kinderrechte einklagen?


E. E.: „ Ich denke, dass es vielen Kindern hier eigentlich nicht gut geht. Gut, vom Materiellen her, es hungert kein Kind, es verdurstet kein Kind, das ist überhaupt kein Thema. Aber wenn man beispielsweise in der Schule ist, und man nimmt dieses Recht auf Bildung wirklich ernst, dann kann ich nur sagen: Es gibt viele Kinder, die aufgrund ihrer Situation das Recht auf Bildung nicht voll in Anspruch nehmen können. Da wird von der Institution Schule in Fragen der Bildung nicht genug getan. Immer noch ist es so, dass Kinder aus bildungsfernen und nicht deutschsprachigen Elternhäusern nicht die gleichen Chancen haben. Das bedeutet natürlich auch: Da muss Geld reingepumpt werden, zusätzliche Lehrkräfte müssen bezahlt werden, um das Recht auf Bildung für ALLE Kinder verwirklichen zu können. In Bezug auf gewaltfreie Erziehung ist man in Berlin schon ein Stück weiter gekommen, da der Kindernotdienst doch immer bekannter wird. In den Schulen landen Karten, auf denen die Nummer 610061 verbreitet wird, auch Telefonnummern für Lehrer, die sich im Falle eines Notfalles anonym und vertrauensvoll an den Kindernotdienst wenden können.

T.W.: Laut einer Umfrage erziehen nach wie vor 40% der Eltern ihre Kinder mit körperlicher Gewalt. Würdest du der Ansicht zustimmen, dass man etwas ändern kann, indem man den Kinderrechten zu einem größeren Gewicht verhilft. Wenn man sie z. B. im Grundgesetz verankert, müsste der Staat, der dann in der Verantwortung wäre, mehr Geld und mehr Ressourcen zur Verbreitung und Durchsetzung der Kinderrechte zur Verfügung stellen. Wie denkst du, dass die Verbreitung der Kinderrechte auch zu einem Einhalten derselben führen kann?

E.E.: Wenn 40% der Eltern sagen, dass sie ihre Kinder mit körperlicher und psychischer Gewalt erziehen, dann ist das für mich auch immer ein Ausdruck davon, dass die Eltern hilflos sind. Es ist ein Hinweis, dass viele Eltern nicht mehr weiter wissen. In den Schulen wird zunehmend beklagt, dass immer mehr Eltern aus bildungsfernen Hintergründen kommen, und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass da auch viel mit Gewalt erzogen wird. Kurzum, der Ansatz müsste sein Elternkurse anzubieten. Es ist natürlich schwierig, an Eltern ranzukommen. Aber so, wie man es geschafft hat, die Untersuchungen im Kleinkindalter über die Kinderärzte verpflichtend zu machen, wäre das vielleicht eine Möglichkeit an die Eltern ranzukommen. Von oben etwas zu verordnen funktioniert nicht. Es geht darum, um Vertrauen zu werben und ihnen aufgrund ihrer Hilflosigkeit Verständnis entgegen zu bringen. Was viele auch nicht wissen ist, dass der Kindernotdienst auch für Eltern da ist. Da kann ich mich als Elternteil auch hinwenden und sagen, ich komme nicht mehr klar, bei mir ist die Sicherung durchgebrannt. Was kann ich tun? Beim Kindernotdienst findet man ein offenes Ohr und es wird auch anonym beraten. In Bezug auf gewaltfreie Erziehung: Wenn ich das Thema in der Schule durchnehme, weiß ich von meinen Schülern, dass es Fälle gibt, bei denen Gewalt ein Mittel zur Erziehung ist. In einem Falle wurde das von den Kindern sofort erkannt. Sie kamen zu mir und sagten: „Frau Ellerkmann, das ist ein Fall für den Kindernotdienst, hier wird das Recht auf gewaltfreie Erziehung verletzt!" Wir sind tätig geworden. Das zeigt, dass man die Kinderrechte auf beiden Seiten bekannt machen muss, sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern.

T.W.: Eine Frage, die ich den Kindern hier auf dem Kinderrechtekongress sehr gerne stelle: Gibt es ein Kinderrecht, dass du im besonderen Maße favorisierst? Liegt dir eines ganz besonders am Herzen, für das du dich in deinem Unterricht stark engagierst?

E.E.: Es ist das Recht auf gewaltfreie Erziehung, physische und psychische Gewalt. Und ich muss das sogleich mit dem Recht auf Bildung zusammenbringen. Denn, in dem Moment, in dem man Bescheid weiß, und weiß, wo man sich die Informationen herholen kann, wie man sich ausdrücken kann, kann man viele Rechte in eine Tasche stecken.

Die Fragen stellte Töns Wiethüchter.