Gulu Walk Berlin

Lebenskunde unterstützt den GULU WALK BERLIN


Kinder sind keine Soldaten!

Berlin/ 10.09.2011 - Schüler und Schülerinnen des Faches Humanistische Lebenskunde protestieren auf dem Guluwalk in Berlin-Mitte gegen den weltweiten Missbrauch von Kindern als Soldaten.

„Das ist ja schrecklich", entrüstet sich der 11-jährige Emre aus Wilmersdorf, als er Bilder von Kindern, die eine Waffe tragen, sieht. Nur wenige Berliner Grundschüler kennen Krieg. Für die meisten ist er ist etwas, was woanders stattfindet, und das nun schon seit 66 Jahren. Aber es gibt ja noch Computerspiele. Und darin kennen sie sich wirklich aus. Selbst Waffentypen wie die AK-47, die berühmte Kalaschnikow, sind ihnen ein Begriff. Dass diese Waffe in vielen Regionen dieser Welt von Kindern in gewaltsamen Konflikten eingesetzt wird, um andere Menschen zu töten, ruft ungläubiges Staunen hervor: „Wieso machen die das?", fragt Emre mich entsetzt. Ja, wieso eigentlich?

Kinder seien leichtgläubiger, sind seien „mutiger, sie wissen ja nicht genau, was passiert und denken nicht daran, was passieren kann", erklärt mir der 10-jährige Kayo von der Grundschule Neues Tor. Der Schüler hat sich ein selbst gestaltetes Plakat mit einer eindeutigen Botschaft umgehängt. „Kinder sind keine Soldaten" ist dort zu lesen. Man sieht ein durchgestrichenes Maschinengewehr und auf die Rückseite hat er „Lasst Kinder spielen - nicht Krieg führen" geschrieben. Er schaut ernst und entschlossen drein und ist offensichtlich gut informiert. Im Lebenskundeunterricht hätten sie das Thema behandelt, berichtet er mir weiter. Er fände es unerträglich, was diesen Kindern geschieht, und habe sich deswegen entschlossen mit zu demonstrieren. Und er berichtet mir von den Methoden, wie Kinder zu Kindersoldaten gemacht werden: „Manche lassen irgendwelche Horrorfilme, so Terminator, gucken, wo viel herumgeschossen wird, und dann schießen sie mit Platzpatronen auf sie, damit sie denken, sie sind unsterblich."

Kinder - die idealen Krieger

In der Tat: Die Kindersoldaten sind jung, sie sind gehorsam und leicht manipulierbar. Sie sind Krieger und doch vor allem eines: Kinder. Für die Kriegsherren in Uganda, in Sudan und anderen Staaten Afrikas, aber auch für die Warlords in Südostasien oder Kolumbien sind sie die idealen Krieger. Noch hatten sie kaum eine Chance, moralische Vorstellungen oder ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln. Sie sind skrupellos, bis zur Grausamkeit verroht und billig, die Jüngsten erst sieben Jahre alt, die meisten zwischen 12 und 15.

Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit 250.000 Minderjährige in bewaffneten Konflikten eingesetzt werden. Sie kämpfen mit billigen, leichten Kleinwaffen, den Kalaschnikows. Oder sie dienen den Kriegsherren in anderer Weise - die Kinder werden als Lastenträger, Köche, Späher und Mädchen nicht selten als Sexsklavinnen missbraucht. Laut einer UNICEF-Studie von 2007 sind etwa 40% derjenigen „Kinder oder Jugendliche, die von Streitkräften oder bewaffneten Gruppen rekrutiert oder benutzt werden oder wurden, egal in welcher Rolle oder Funktion", wie die offizielle Definition von Kindersoldaten lautet, weiblich!

Heute Morgen um 10 Uhr hat sich Kumru von der Richardschule in Neukölln mit anderen Schülern und Schülerinnen und der Lehrerin Doris Wellhäuser getroffen. Sie ist sich sicher, dass sich die Kinder schlimm fühlen und die Erwachsenen Schuld sind. Ein Junge hält eine etwa 30 Zentimeter große Puppe in der Hand, auf deren Gesicht und Körper Verletzungen gemalt und Pflaster aufgeklebt sind - ein Symbol für eine missbrauchte und beschädigte Kindheit. Ece (10) und Sezen (11) von der Galilei-Grundschule kommen aus Kreuzberg. Auch sie tragen selbst gemachte Plakate mit ihren Forderungen. Sie wolle „ den Kindern in Uganda und anderswo helfen", formuliert Ece ihre Ziele. „Sie sollen keine Menschen umbringen und andere schlimme Sachen machen." Sie verweist mich auf den Artikel 38 der Kinderrechtekonvention: „Kinder dürfen nicht gezwungen werden, in den Krieg zu ziehen", diktiert sie mir ihre Version des Paragraphen.

Im Artikel 38 der UN-Kinderrechtskonvention, die von allen Staaten dieser Welt außer den USA und Somalia unterzeichnet wurde, heißt es, dass die Vertragsstaaten davon Abstand nehmen, „Personen, die dass 15. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, zu ihren Streitkräften einzuziehen." Doch häufig vollzieht sich die „Rekrutierung" von Kindersoldaten in der Grauzone nichtstaatlicher Kampfgruppen, den Paramilitärs. Der wohlmeinende Artikel der Konvention läuft so ins Leere.

Doch die Forderungen der Organisationen, die sich beim Guluwalk zu einem Bündnis zusammengeschlossen haben, gehen weiter: Nicht nur verlangen sie die „Verhinderung des Missbrauchs von Kindern als Soldaten", sondern auch die Anerkennung desselben als Asylgrund. Bisher, so heißt es auf der Homepage des Guluwalks, würden die ehemaligen Kindersoldaten als Deserteure gelten. Laut einer Studie von terre des hommes, die von Dima Zito erstellt wurde, gelten die Flüchtlinge zumindest in ihrem Heimatland als Deserteure und werden dementsprechend verfolgt. Die Studie bestätigt, dass allein die Tatsache, als Soldat missbraucht worden zu sein, kein Asylgrund ist. Wenn die Flüchtlinge keine professionelle Betreuung bekämen, und das sei häufig der Fall, drohten ihnen tatsächlich die Abschiebung. Denn die Flüchtlinge kennen oft weder ihre Rechte noch wüssten sie überhaupt, was Asyl ist oder welche Tatbestände Anerkennung finden können. Auf jeden Fall gewährt ihnen im Falle der Verfolgung in ihrem Heimatland die Genfer Flüchtlingskonvention Schutz vor Abschiebung. Zumindest vorläufig.

Opfer und Täter zugleich

Die Schicksale der Kindersoldaten sind grausam und ähneln einander: Oft wurden ihre Familien umgebracht oder verschleppt, bevor sie sich - „freiwillig" oder unter Zwang - den Kämpfern anschließen. Sie sind Opfer und Täter zugleich. Es ist ihre Überlebensstrategie, sich als Opfer Tätern anzuschließen, um so selbst dem Tod oder dem Hunger zu entkommen. Nicht selten sind die Kampfgruppen wie eine Familie. Nur hier vermögen sie Schutz zu bekommen. Ihre Ohnmacht verwandeln sie in Macht, indem sie als Herren über Leben und Tod sich das nehmen, was sie wollen und zum Leben brauchen.

Dagegen protestiert der Guluwalk. Der Name verweist auf die Provinzhauptstadt Gulu in Uganda. Hier demonstrierten zum ersten Mal im Jahr 2005 Kinder und Erwachsene gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten. Gulu war die Stadt, in der täglich tausende Kinder aus der Umgebung, die Night Commuters, nachts in den Straßen Schutz vor der LRA (Lord's Resistance Army) suchten. Die LRA überfiel die umliegenden Dörfer, tötete die Bevölkerung und machte die Kinder zu Sklaven ihrer Armee. In Erinnerung an diese Wanderungen entwickelte sich ein weltweiter Protestmarsch: Der Guluwalk.

Lebenskunde - eine Schule der Demokratie

Auf dem Weg des Demonstrationszuges vom Alexanderplatz zum Mauerpark komme ich mit der Lebenskundelehrerin Ulla Ringe, die mit Schülern der Galilei-Schule an der Demonstration teilnimmt, ins Gespräch und frage sie, ob die vielen Lebenskundeschüler nicht instrumentalisiert würden. Keinesfalls, entgegnet sie mir, die Teilnahme sei freiwillig. Außerdem sei das Fach Lebenskunde auch ein Schule der Demokratie. Und dazu gehöre es, dass Kinder die Möglichkeit bekommen, an demokratischen Prozessen wie einer öffentlichen Demonstration teilzunehmen. Partizipation sei ein wichtiges Bildungsziel nicht nur des Lebenskundeunterrichts. Nur so könnten die Schüler lernen, dass ihre Meinung Gehör finde und dass sie etwas zählen, in dieser Welt.

Kayo scheint das auch so zu sehen. Auf meine Frage, was man denn gegen den Missbrauch von Kindern tun könne, antwortet er, dass „die Politiker und andere dafür was machen müssten, dass keine Kinder mehr als Kindersoldaten eingesetzt werden." Sein Vorschlag: „zum Rathaus gehen und demonstrieren." Zumindest Letzteres haben er und weitere 150 Demonstranten heute in die Tat umgesetzt.

Text und Fotos: Töns Wiethüchter

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Bericht vom Gulu Walk 2011

 

Informationen und Videomaterial zum GULU WALK BERLIN 2010
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GULU WALK BERLIN 2010

250000 Kinder werden weltweit in Regierungs- und Rebellen-Armeen ihrer Kindheit beraubt. Für sie und für diejenigen, die nach Hause zurückkehren können - traumatisiert und ohne Bildung - müssen wir jetzt etwas tun, um eine Fortsetzung wvon Gewalt und Krieg zu verhindern. 

Unterrichtseinheit "Kinder als Soldaten?"