Was ist gute Autorität? Von Helden, Schurken und anderen Leitbildern.

Beiträge von Schülerinnen und Schülern zu einem Internationalen Kongress in Heidelberg (29.-31.Oktober 2010):

Was ist gute Autorität? Von Helden, Schurken und anderen Leitbildern.

Die Konferenz richtete sich an alle, die sich, sei es beruflich oder persönlich, mit dem Thema Autorität auseinandersetzen. Eine der Veranstalterinnen fragte mich, ob ich nicht Beiträge aus der Schule zur Illustration liefern könne: Was denken Kinder darüber? Ich fand es sehr interessant, die SchülerInnen zu fragen: Wer ist denn für euch ein Vorbild oder keines, und warum?
Am Heinrich-Schliemann-Gymnasium und am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Berlin-Prenzlauerberg sind im Lebenskundeunterricht der Klassenstufen 5-11 rund 50 Exponate entstanden. Wer ist warum ein Schurke, und wer ein Held? Genau diese Frage haben wir uns gestellt, innerhalb meines Schwerpunktes bei der pädagogischen Arbeit, beim Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen.
Es hat mich beeindruckt, wie die Kinder diese einfache Frage, die ja auch die nach gut und böse ist, ohne weitere Anleitungen von mir umgesetzt haben. Ich habe erfahren, was in ihren Köpfen vorgeht. Um ein Beispiel zu nennen: Birk aus der siebten Klasse hat ein Gedicht von Bertolt Brecht als sein Vorbild ausgewählt: Die Frage eines lesenden Arbeiters. Er hat dieses Gedicht abgeschrieben und als Vorbild ausgesucht. Mir war nicht klar, dass die Kinder darüber so tief nachdenken und sehr konkrete Ideen im Kopf haben, was Vorbilder sind, oder auch nicht sind. Auch habe ich mich gefreut, dass das Philosophieren mit Kindern Früchte trägt, denn eine Schülerin schrieb, die Philosophen, die Vernunft seien ihr Vorbild.
Die Reaktionen auf die Ausstellung waren auf dem Kongress bei Besuchern, Seminarleitern, Pädagogen und Philosophen ausschließlich positiv. Der Leiter der pädagogischen Hochschule sagte, er hätte selten so viele StudentInnen gesehen, die so lange vor den Bildern an den Wänden meditieren. Kopien der Werke lagen auch beim Essen als Untersetzer auf den Tischen, so konnten die Teilnehmer darüber nachdenken und nahmen sie nach Hause mit.
Was mich an der Arbeit zu diesem Thema am meisten beeindruckt hat war, dass jeder dieser ca. 50 Beiträge absolut originell war. Die Kinder haben wirklich aus sich selbst heraus Ideen entwickelt und diese aufgeschrieben und illustriert.
Gelernt habe ich, dass sich die Autoritätsbilder im Unterschied zu vor ca. 20 Jahren geändert haben. Zum Beispiel scheinen Lehrer, Politiker oder auch Pfarrer keine Vorbilder mehr zu sein. Die ethischen Überlegungen der Kinder beziehen sich eher auf das Verhältnis zu den Eltern, auf Vorbilder im Privatbereich. Auch steht die gegenseitige Hilfe ganz hoch im Kurs. Es war nichts zu spüren von irgendwelchen egoistischen Idealen. Sie lehnen sowohl das Streben nach Geld ab als auch die Ignoranz gegenüber der Umwelt, und sie haben ein gutes Gespür für Formen von schlechter Autorität. Es hat mich außerordentlich gefreut, dass es ein so großes Potential an Selbstbestimmung gibt.
Und wenn ich die Frage beantworten sollte, wer für mich ein Vorbild ist, so erinnere ich mich an Tims Reflexionen in der 11.Klasse: Vorbilder sind Bilder, und Bilder gehören aufgehängt. Dies kann hinsichtlich einer „Autorität" positiv oder negativ ausgelegt werden. Während des Projekts waren die SchülerInnen in ausschließlichem Sinn positiv vorbildlich für mich: Ihre Spontaneität, ihre angstfreie Meinungsäußerung, ihr Mut zu eigenständigem Gestalten, ihre Ehrlichkeit, mit der sie ihr eigenes Denken und das der anderen hinterfragen, und ihre Phantasie, wenn es um Gedanken darüber geht, dass unsere Welt menschenwürdiger werden möge. In der Tat: Ihre Bilder sollen vor-bildlich noch viele Wände schmücken!

Renate Schindler
Dr. Renate Schindler, Philosophin und Lehrerin, gestaltete mit den Lebenskunde-Schüler/-innen zweier Berliner Gymnasien die visuellen Inspirationen für einen Kongress in Heidelberg: Was ist gute Autorität? Von Helden, Schurken und anderen Leitbildern.
Ein Interview mit Renate Schindler
Interview mit Dr. Renate Schindler