Positionspapier


Religions- und Lebenskundeunterricht in den Schulen Berlins

Werteerziehung

Erfolgreiche, demokratische Wertevermittlung ist nicht vom Religions- und Weltanschauungsunterricht abhängig, sondern vorrangig vom gesamten schulischen Lernklima. Demokratische Strukturen, Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler sind dazu die besten Voraussetzungen.

Alle empirischen Jugendstudien weisen nach, dass die Werte von Jugendlichen in den einzelnen Bundesländern im Allgemeinen gleich sind – unabhängig davon, ob Religionsunterricht ein staatliches Wahlpflichtfach ist oder nicht.

Ethische Erziehung findet am besten dort statt, wo Wertekonflikte aufbrechen, in den einzelnen Schulfächern, sei es in Physik, Deutsch oder Biologie.

Das Wertebewusstsein von Jugendlichen ist nicht vom Status des Religionsunterrichts in der Schule abhängig.

 

Die Alternative: Ausbau des Sozialkundeunterrichts

Für den Sozialkundeunterricht stehen ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung. Die Rahmenpläne sind gut und entwicklungsfähig, insbesondere in Fragen der Werteerziehung. Ein Angebot von 1-2 Stunden Sozialkundeunterricht in der Woche ist auch finanziell am günstig­sten. Gerade die Orientierung auf praktische Umsetzung (in Politik und soziales Verhalten) machen den Sozialkundeunterricht hervorragend geeignet, die pluralistische Gesellschaft mit ihren verschiedenen kulturellen Traditionen und Bekenntnissen kennen zu lernen.

Der Ausbau des Sozialkundeunterrichts ist die beste Antwort für eine integrative Werteerziehung in der Schule.

 

 

Die Freiwilligkeit der Bekenntnisfächer

Religions- und Lebenskundeunterricht sind Bekenntnisfächer und bieten den jeweiligen Gemeinschaften in der Schule einen Rahmen, ihre Lebensauffassung zu vermitteln.

Die grundgesetzlich festgelegte Trennung von Staat und Religion begründet den Unterschied von wissenschaftlichen Schulfächern und Bekenntnisunterricht.

Es ist pädagogisch ein Vorteil, dass Fächer, in denen es um existenzielle Fragen und Lebenssinn geht, nicht benotet werden müssen.

Religions- und Lebenskundeunterricht sollten weiterhin freiwillig bleiben und keine staatlichen Schulfächer werden.

Teilnahmezahlen

 

Im Schuljahr 2004/05 nehmen in Berlin 162.041 (47,57%) Schülerinnen und Schüler am freiwilligen Werteunterricht teil. Wenn für die 70.000 muslimischen Schülerinnen und Schüler ein akzeptables Angebot realisiert ist, wird der Anteil auf weit über 50% steigen. Bei besserer Finanzierung könnte eine Teilnahme von 70-80 % der Schülerinnen und Schüler in Berlin erreicht werden.

Eine große Mehrheit der Berliner Schülerinnen und Schüler sind bereit, an einem freiwilligen Unterricht in der bisherigen Form teilzunehmen.

 

 

Trennung von Staat und Kirche in europäischer Perspektive

Im zukünftigen Europa sind Religion und Staat deutlich getrennt. Auch der Religionsun­terricht wird entweder gar nicht mehr als Schulunterricht stattfinden oder einen Sonderstatus haben. Berlin hat also im europäischen Maßstab eine sehr moderne Form gefunden, an dem sich andere Bundesländer zukünftig eher orientieren werden.

Die Freiheit von Religion und Weltanschauung ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die von der Europäischen Union verteidigt wird. Der Staat ist zur Neutralität gezwungen, ebenso die staatliche Schule.

Das derzeitige liberale „Berliner Modell“ ist auf ein gemeinsames Europa gerichtet.

 

 

Humanismus und Lebenssinn
 – Ziele des Humanistischen Verbandes -

Humanismus und Aufklärung begründen eine eigenständige Weltdeutung - ohne Religion. Sie bezieht sich allein auf menschliches Denken und Handeln in dieser Welt. Die Wissenschaften und eine humanistische Ethik sind die Grundlagen des Humanismus.

Humanistinnen und Humanisten haben in den vergangenen Jahrhunderten für die Menschenrechte gekämpft und der „religiösen Offenbarung“ die alleinige menschliche Verantwortung entgegengesetzt. Viele Menschen fühlen sich heute dieser Weltsicht zugehörig, sehen aber deshalb keinen zwingenden Grund, sich vergleichbar den Kirchen zu organisieren.

Der humanistische Lebenskundeunterricht bietet die Möglichkeit, sich in dieser Tradition über ethische Fragen, soziale Verantwortung, Glück und Solidarität zu verständigen.

Der Humanismus ist für immer mehr Menschen zu einem Lebenssinn geworden. Humanistischer Lebenskundeunterricht vermittelt Schülerinnen und Schülern diese solidarische und tolerante Lebensorientierung.

Wallstr. 61-65, 10179 Berlin

Telefon 613 904 60 Fax 613 904 52

E-Mail: lku@humanismus.de

 

 

 

 

Perspektiven des
Religions- und Weltanschauungsunterrichts in Berlin
- Überlegungen für den Bildungsparteitag der SPD am 9. April 2005 -

Der bildungspolitische Leitantrag für den SPD-Parteitag im April 2005 sieht zwei Alternativen zur Zukunft der Werteerziehung vor:

  1. Variante I: Einführung eines Wertefaches (LER) für alle Schüler/innen, ohne Abmeldemöglichkeit. Der Status des Religions- und Lebenskundeunterrichts bliebe weiterhin freiwillig und kein staatliches Fach.

  2. Variante II: Einführung eines staatlichen Wertefachs LER mit einer Abmeldemöglichkeit zu einem staatlichen Fach Religion bzw. Weltanschauung. Das Modell läuft faktisch auf staatliche Wahlpflichtfächer hinaus.

Trennung von Staat und Kirche verteidigen

Das Wahlpflichtmodell der Variante II soll insbesondere zwei Ziele verfolgen:

  • Kritisch gesehene Religionen, z.B. die Islamische Föderation, von der Schule fern halten

  • Aufwertung des Religionsunterrichts zu einem staatlichen Fach ermöglichen und damit die Übernahme sämtlicher Kosten durch den Staat (bisher nur 90 %).

In Berlin sind jedoch nur noch 31,9 % der Bevölkerung Mitglied in einer der beiden großen Kirchen. Auf dem Hintergrund dieser Zahlen ist es anachronistisch, die erreichte Trennung von Staat und Kirche rückgängig machen zu wollen. Berlin hat es immer als Ausdruck von Aufklärung und Europaorientiertheit gesehen, wenn der Religionsunterricht allein Aufgabe der Religionsgemeinschaften ist.

Der Humanistische Verband lehnt die Variante II ab, da die Trennung von Staat und Religion nicht leichtfertig aufgegeben werden sollte und diese Variante nicht in der Lage ist, die Probleme mit dem islamischen Religionsunterricht zu lösen.

 

Werteerziehung ist Aufgabe der ganzen Schule

An dieser Stelle sei noch einmal betont, dass die Werteerziehung in der Schule eine Aufgabe aller Fächer ist und nicht dem Religions- und Weltanschauungsunterricht übertragen werden darf. Wer über mangelnden Werteunterricht klagt, sollte sich erst einmal fragen, ob es richtig war, den Sozialkundeunterricht auf ein 1/3-Fach zu reduzieren. Hier wären am einfachsten neue Gewichtungen zu legen.

Der HVD befürwortet die Einführung eines Fachs LER an der Oberschule ab der 7. Klasse. Dies entspricht weitgehend der Variante I des SPD Leitantrags. Es muss ein Fach sein, in dem alle Schüler/innen gemeinsam lernen und eine Abmeldung ausgeschlossen ist.

Der Unterricht der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aber sollte kein staatliches Fach werden, sondern freiwillig für diejenigen bleiben, die eine vertiefende Orientierung auf eine bestimmte weltanschauliche Position wollen.

 

Islamischer Religionsunterricht

Die aktuelle Diskussion wird von Vorbehalten gegen den Islamunterricht der Islamischen Föderation dominiert. Es ist aber ein Irrtum zu glauben, durch einen staatlichen Religionsunterricht könnten Religionen von ihrem Selbstverständnis abgebracht werden. Das Gegenteil ist der Fall, wenn der Staat den Unterricht übernimmt, dann müsste er die Inhalte der jeweiligen Religionsgemeinschaft vermitteln.

Die Islamische Föderation hat in einem höchstrichterlichen Urteil die Bestätigung erhalten, dass sie eine Religionsgemeinschaft ist. Damit muss sie prinzipiell mit den Kirchen gleichbehandelt werden (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Februar 2000, BVerwG 6 C 5.99). Die Konsequenzen aus einem islamischen Religionsunterricht als staatlichem Wahlpflichtfach wären:

  • dass der Staat 100 % der Unterrichtskosten übernimmt und zusätzlich die universitäre Lehrerausbildung finanziert

  • dass der Staat nur Lehrer/innen für diesen Unterricht einsetzen darf, denen die Islamische Föderation zustimmt

  •  dass der Staat den Unterricht in inhaltlicher Übereinstimmung mit der Islamischen Föderation durchführen müsste.

Diese Regelung gilt für alle Bundesländer, in denen der Religionsunterricht ein staatliches Schulfach ist. Dies belegt das Urteil des Verwaltungsgerichts in Berlin vom 25. Oktober 2001:

„Bei der rechtlichen Beurteilung des Rechtsschutzantrages hat das erkennende Gericht damit ohne weitere Prüfung davon auszugehen, dass die Antragstellerin (die Islamische Föderation, d. Verf.) eine zur Durchführung von Religionsunterricht als eigene Aufgabe befugte Religionsgemeinschaft ist.“ (S. 7)
(…)
“Denn sogar für die Bundesländer, die Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach unter staatlicher Aufsicht durchführen, ist es anerkannt, dass die jeweiligen Inhalte des auf Vermittlung des religiösen Bekenntnisses zielenden Religionsunterrichts aufgrund des in Art. 7 Abs. 3 GG genannten „Übereinstimmungsgebots“ zum autonomen Bereich der Religionsgemeinschaften gehören (vgl. auch Mückl, Staatskirchenrechtliche Regelungen zum Religionsunterricht, AöR Bd. 122 (1997), S. 513 ff (528)). Eine inhaltliche Kontrolle von Rahmenplänen scheidet dort ebenso wie in Berlin aus.“ (S. 13)
aus: Verwaltungsgericht Berlin, 25. Oktober 2001

Berlin ist eine multikulturelle Stadt geworden, in ihr existieren viele Religionen und Welt­anschauungen. Die Zeiten der Volkskirche sind unwiederbringlich vorbei. Die grundgesetzliche Position der prinzipiellen Gleichbehandlung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften hat gerade für Berlin eine sehr aktuelle Bedeutung (Grundgesetz Art.3, Art.4 und Art.140). Eine Diskriminierung ist gesetzlich verboten.

 

Islamkunde als Alternative zum islamischen Religionsunterricht

Da die muslimischen Gruppen zurzeit in Berlin nicht in der Lage sind, einen gemeinsamen Dachverband für den Islamunterricht zu bilden, hat die Islamische Föderation, die nur einen kleinen Teil der Muslime vertritt, einen unverhältnismäßigen Einfluss gewonnen. Um auch ein Angebot für die ca. 80 % Muslime zu erreichen, die sich nicht von der Islamischen Föderation angesprochen fühlen, kann das Land Berlin als Alternative zum Unterricht der Islamischen Föderation übergangsweise ein neutrales Fach Islamkunde anbieten. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen wird damit in Schulversuchen sehr erfolgreich gearbeitet. Die Islamische Föderation wäre neben einem staatlichen Islamkundeangebot auf ihre Anhänger begrenzt.

 

Humanistischer Lebenskundeunterricht

Der Humanistische Verband ist eine Weltanschauungsgemeinschaft nach dem Grundgesetz und somit den Religionsgemeinschaften rechtlich gleichgestellt. Er ist Träger des „Humanistischen Lebenskundeunterrichts“, der bereits in den 1920er Jahren durch die sozialdemokratische Arbeiterbewegung aufgebaut wurde. Reformpädagogik und weltliche Schulen waren damals die Forderung der SPD gegen das Bündnis von Kirchen und klerikalen Parteien. Der Lebenskundeunterricht bot die Möglichkeit, sich in dieser Tradition über ethische Fragen, soziale Verantwortung, Glück und Solidarität zu verständigen. 1960 wurde der Lebenskundeunterricht durch den Regierenden Bürgermeister
Willy Brandt wieder eingeführt. Im Jahr 2005 nehmen fast 40.000 Schüler/innen daran teil.

Humanismus als Weltanschauung begründet eine eigenständige Weltdeutung ohne Religion und kann durch keinen neutralen Ethikunterricht ersetzt werden. Er bezieht sich allein auf menschliches Denken und Handeln in dieser Welt. Die Wissenschaften und eine humanistische Ethik sind die Grundlagen des Humanismus.

Humanistinnen und Humanisten haben in den vergangenen Jahrhunderten für die Menschenrechte gekämpft und der „religiösen Offenbarung“ die alleinige menschliche Verantwortung entgegengesetzt. Viele Menschen fühlen sich heute dieser Weltsicht zugehörig, sehen aber deshalb keinen zwingenden Grund, sich vergleichbar den Kirchen zu organisieren.

Der Humanismus ist für immer mehr Menschen zu einem Lebenssinn geworden und der Humanistische Lebenskundeunterricht vermittelt Schülerinnen und Schülern diese solidarische und tolerante Lebensorientierung. Nach einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2004 erklären 56,7 % der Berliner/innen, dass sie eine humanistischen Lebensorientierung haben (13,6% sehen eine völlige Übereinstimmung mit den Positionen des Humanistischen Verbandes und 43,1% haben eine überwiegende Übereinstimmung). Auf diesem Hintergrund wird die Bedeutung einer humanistischen Alternative zum Religionsunterricht für eine pluralistische Gesellschaft deutlich. Wir begrüßen es, dass sich die SPD den Interessen dieser Menschen wieder intensiver zuwendet.

Berlin 11. Februar 2005


Für weitere Nachfragen wenden Sie sich bitte an den Humanistischen Verband,
Wallstr. 61-65,  10179 Berlin,  Telefon 613 904-60,
E-Mail: hvd-berlin@humanismus.de;  Homepage: www.humanismus.de